Aneignen oder nicht aneignen, das ist hier die Frage

Ich habe in den letzten Tagen Roll Inclusive durchgelesen. Es ist ein wichtiger, mutiger und im großen und ganzen gelungener Debattenbeitrag. Ich finde das Anliegen sehr richtig und gut und teile die Grundannahme, dass Diversity und Repräsentation im Rollenspiel wünschenswert sind, gerade im Interesse von Inklusivität. Erwartbar sorgt das Buch überall dort, wo es im Internet angesprochen wird, für Kontroversen grundsätzlicher Natur. In solchen Debatten möchte ich keine Kritik üben, die dann von Leuten vereinnahmt werden könnte, deren Einstellung ich ganz und gar nicht teile. Das ist sehr schade, denn ich sehe an zwei, drei Punkten durchaus Diskussionsbedarf. Den zweiten davon möchte ich heute hier ansprechen: Die Sache mit der kulturellen Aneignung.

In “Endboss Kulturklischee – Tipps für kultursensiblen Weltenbau” von Elea Brandt geht es um den Umgang mit anderen Kulturen bei der Gestaltung von Rollenspiel-Settings. Als praktische Tipps rät die Autorin zu guter Recherche, Kreativität und dazu, auf “Own Voices” zu hören und sich “Sensitivity Readers” zu besorgen. Sicherlich richtet sich das vor allem an Verlage und Autor*innen (wobei für das Homebrew-Setting schon eine interessante Frage wäre, wie man den Konflikt zwischen Machbarkeit und dem Wunsch nach Repräsentation auflöst, die der Artikel aber nicht stellt.) In erster Linie geht es darum, beleidigende und ausgrenzende Klischees zu vermeiden, was unmittelbar einleuchtet. Es wird aber auch das Thema kulturelle Aneignung angesprochen. Diese sei unvermeidlich, wenn Kulturen aufeinander treffen, problematisch werde sie aber dann, wenn sie “einseitig” geschehe. Der Artikel bleibt nebulös, was daraus nun eigentlich genau für das Rollenspiel folgt, und rät lediglich zu “Fingerspitzengefühl”.

Aber was mache ich denn, wenn ich ein Rollenspiel-Setting bastle? Ich nehme alles, was mir irgendwie in die Finger kommt, und verwurste es. Ich sehe, lese oder höre etwas, das mich inspiriert, und dann deute ich das im Kontext des fiktionalen Settings um. Wenn ich mir Repräsentation und Inklusivität auf die Fahnen schreibe, wie soll ich das denn bitteschön anders bewerkstelligen, als eben das, was ich inkludieren und repräsentieren möchte, in meinen kreativen Prozess einzubeziehen? Und wie kann das anders als einseitig geschehen? Dazu zwei Anekdoten.

Meine erste Begegnung mit dem Begriff der kulturellen Aneignung war bei Vaiana. Vaiana ist ein ganz fantastischer Disney/Pixar-Film. Er ist visuell atemberaubend, hat Spannung, Action, Humor, Gefühl und gute Songs, hat ganz tolle weiblichen Role Models (aber ohne diese artifizielle, belehrende Note wie bei Merida), alle Figuren sind polynesisch, ohne sich darüber zu definieren, und sogar bei den Body Types ist der Film sensibel. Außerdem gibt es Seefahrer-Romantik, coole Monster, eine archetypische Mentor-Schüler-Geschichte und ein spektakuläres Finale mit einem Twist. What’s not to like? Trotzdem gab es Kritik von politischen Aktivist*innen, weil, genau, kulturelle Aneignung. Und da fehlt mir ehrlich gesagt das Verständnis. Disney ist Disney, was habt ihr denn erwartet? Die nehmen Märchen und Sagen und machen da dann einen Hollywood-Blockbuster draus, das ist was die tun. Egal ob Artussage oder Andersens Märchen oder 1001 Nacht, und jetzt gehört Maui auch zum Club. Herzlich willkommen! Mehr Repräsentation geht doch nicht. Die Hauptfiguren wurden im Amerikanischen sogar von Schauspieler*innen mit polynesischen Wurzeln gesprochen.

Das wiederum führt mich zur zweiten Anekdote. Mir erzählte neulich jemand, er sei auf dem letzten Christopher Street Day mitgelaufen und da habe es einen Wagen von Rewe gegeben. Diese kommerzielle Vereinnahmung der Subkultur fand er kacke. Das konnte doch nicht das Ziel des emanzipatorischen Kampfes gewesen sein, dass jetzt Rewe mit dem CSD Werbung macht. Aber hey, das ist eben Teilhabe. Teilhabe an der globalen Konsumgesellschaft, yay. Willkommen im Club! (Natürlich weiß ich, dass gleichberechtigte Teilhabe noch längst nicht erreicht ist.)

Was ich damit sagen will: Wenn man die Repräsentation von marginalisierten Gruppen nicht allein den Angehörigen dieser Gruppen selbst überlassen will, sondern auch privilegierte Leute wie mich dabei einbezieht, dann weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, wie ich das in bezug auf andere Kulturen machen soll, ohne kulturelle Aneignung zu begehen. Jedenfalls in realweltlichen Settings wie Urban Fantasy, Cyberpunk o.ä. Das gehört sozusagen zum Paket, ich nehme etwas, mache es mir zu eigen, deute es um und mache daraus ein Abenteuer. Willkommen im Club! Wo liegt das Problem?

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